Was macht Deutschland in Bezug auf die Digitalisierung falsch?

Warum schneidet Deutschland bei der Digitalisierung so schlecht ab? Was machen wir falsch und welches sind die Ursachen für die schlechte Platzierung im internationalen Vergleich?


Bevor wir beginnen: Werfen Sie einen Blick auf unseren letzten Beitrag, in dem wir erörtert haben, warum Deutschland den Anschluss an die am stärksten digitalisierten Länder der Welt verpasst hat und wie sich das in Zahlen und Rankings ausdrückt. Doch was sollte man tun, um bei dieser Platzierung vorne zu sein und was tut Deutschland in den relevanten Bereichen?


Die Gründe für die Mittelfeld-Platzierung im internationalen Vergleich sowie die größten Schwächen deutscher Unternehmen im Bereich der Digitalisierung haben wir in verschiedenen Themenkomplexen zusammengefasst, angelehnt an den Themenkomplexen des Digital Competitiveness Ranking.


Technologie: In diesem Bereich ist und bleibt Deutschland seit 5 Jahren am schwächsten. Die Probleme sind aber lange bekannt, und trotzdem aktuell noch weit von einer Lösung entfernt:

  • Digitale Prozesse erfordern flächendeckend schnelles Internet. Trotzdem liegt hierzulande die Breitbandversorgung (d.h. eine Geschwindigkeit von über 50Mb/s) bei weniger als fünf Prozent. Damit belegt Deutschland Platz 72 von 141 untersuchten Staaten im globalen Wettbewerbsbericht. Laut Deutschland-Index liegt das Ziel einer flächendeckenden Glasfaserversorgung mit Geschwindigkeiten von 50Mb/s jedoch noch weit entfernt. Nur einige wenige Bundesländer und Stadtstaaten im Norden Deutschland erreichen passable Werte (hierunter Schleswig-Holstein 21%; Hamburg 71%). In diesem Bereich werden DE nicht ausreichende Investitionen in Telekommunikations-Infrastruktur und Technologie vorgeworfen.

  • Auch im Technologie-Anwendungsbereich kommt DE im Vergleich nicht gut weg. Wir sind “privat” deutlich digitaler unterwegs als beruflich. Viele einfache bürokratische Prozesse laufen im Industrie-Umfeld noch analog, obwohl einer Digitalisierung nichts entgegensteht. Nachholbedarf wird insbesondere aber bei der digitalen Verwaltung, dem sogenannten E-Government, gesehen. Die Umstellung auf digitale Verwaltungsleistungen soll für die Bürgerinnen und Bürger Deutschlands schnellere und bequemere Abläufe ermöglichen. Die Verbesserung geht allerdings nur schleppend voran.

  • Startups und Neugründung sind besonders wichtige Treiber von Innovationen und gleichzeitig Technologie-Entwickler/Enablers. Neugründungen werden aber im direkten Vergleich noch unzureichend unterstützt. An dieser Stelle werden eine höhere Anzahl von Unterstützungsprogramme für Startups erwartet, die an einer nationalen Langzeitvision ausgerichtet sind. Aber auch die Gründung eines Unternehmens selbst ist ein bürokratischer Akt, der im internationalen Vergleich lange dauert (mit im Schnitt 8 Tagne belegt DE Platz 125 von 190 Ländern).

  • Die deutsche Industrie ist stolz auf die eigene Ingenieurskunst und das Bestreben nach perfekten Produkte kennzeichnet den gesamten Entwicklungsprozess. Hierbei ist die Deutsche Industrie jedoch insgesamt zu langsam, zu unflexibel und zu stark in alten Denkweisen verhaftet im Vergleich mit den Top-Performern in diesem Bereich (Singapur, Hong Kong und Norwegen).

  • Zudem werden hierzulande mit Digitalisierungsprojekten oder mit digitalen Transformationsprojekten vor allem Prozessoptimierungen und Effizienzsteigerungen umgesetzt und dabei die Chancen, völlig neue Geschäftsmodelle zu erschaffen, vernachlässigt. Nicht einmal jedes vierte Unternehmen (23 %) will in diesem Jahr gezielt in die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle investieren. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen tun sich hierbei schwer: So geben lediglich 19 Prozent der Unternehmen mit 20 bis 99 Mitarbeitern und 25 Prozent der Unternehmen mit 100 bis 499 Mitarbeitern an, dass sie in der Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle investieren werden.

Zukunftsfähigkeit:

  • Die bereits thematisierte notwendige, aber mangelnde Agilität und Flexibilität der Industrie lässt sich hier als eine der größten Schwächen nennen.

  • Buzzwords wie Big Data und Analytics werden zwar in Deutschland viel verwendet, aber sind laut verschiedener Studien dennoch eine große Schwäche in Deutschland. Im Umfeld der Nutzung von Big Data und Analytics kommt die deutsche Industrie zu kurz bzw. ist aktuell nicht ausreichend gewappnet, um “das neue Gold” zu schöpfen, d.h. aus vorhandenen Daten Insights (Erkenntnisse) abzuleiten. Analytische Fähigkeiten bzw. Kompetenzen seien nicht ausreichend bei der Belegschaft vorhanden.

Wissen: Obwohl Deutschland in den Top 3 bei Themen wie innerbetrieblicher Weiter- & Ausbildung, Schüler-Lehrer-Verhältnis (in Hochschulen) sowie die Absolventenzahl bei naturwissenschaftlichen Fächern rangiert, existieren auf beruflicher Ebene große Lücken:

  • Die deutliche Mehrheit der Erwerbstätigen empfindet ihr eigenes berufliches Umfeld als aufgeschlossen gegenüber digitalen Technologien und Arbeitsweisen. Dies steht explizit im Gegensatz zu vielen Studien, in denen nur 42% der Führungskräfte in Deutschland ihren Mitarbeitern zutraut, die Herausforderungen der Digitalisierung meistern zu können. Auf Managerebene selbst gibt es auch Schwierigkeiten, denn einige Manager sind selbst persönlich mit der Digitalisierung überfordert. Jeder Vierte (27%) räumt ein, dass er sich manchmal durch die Digitalisierung überfordert fühlt. Dazu kommt, dass viele deutschen Unternehmen unter dem Fachkräftemangel leiden. Dringend benötigte IT-Spezialisten sind hart umkämpft und den bestehenden Mitarbeitern fehlt es häufig an Erfahrung und Wissen, um den digitalen Wandel zu meistern. Die Folge: Die Digitalisierung verunsichert Beschäftigte in jedem dritten deutschen Großunternehmen und spaltet die Belegschaft in Befürworter und Widerwillige.

  • Zudem sei die Anzahl der Arbeitskräfte mit höheren Bildungsabschlüsse gering in Vergleich zu anderen Ländern. Hierbei ist negativ explizit die geringe Anzahl an Frauen mit einer abgeschlossenen Hochschulausbildung, sowie die Anzahl Forscherinnen zu nennen. Hier wird Deutschland im unteren Drittel platziert und verschenkt somit Innovationspotenziale.

Doch was machen die erfolgreichsten Länder anders und was könnte DE von ihnen lernen, um möglichst schnell aufzuholen oder sie zu überholen?


All das und mehr in unserem nächsten Blogbeitrag!


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